40 Tage „ohne“ – Warum Genuss in Deutschland sofort Sucht ist

Eine kleine, böse Fastensatire

Morgen beginnt sie wieder, diese liturgisch sauber verpackte Selbstoptimierung: die Fastenzeit.
Vierzig Tage bis Ostern. Vierzig Tage zwischen Buße und Bionade.

Früher verzichtete man auf Fleisch, um sich an das Leiden von Jesus Christus zu erinnern. Heute verzichtet man auf Latte Macchiato, um sich an das eigene Suchtpotenzial zu erinnern.

Im Radio erklärt eine Frau mit ernster Stimme, sie werde „auf Genussmittel wie Kaffee und Alkoholica verzichten – weil es eine Sucht ist“.

Alkoholica: Das klingt wie eine lateinamerikanische Heilige mit Hang zur Destille.

Der neue deutsche Dreiklang: Genuss, Gefahr, Gesetz

Wir leben in einem Land, in dem Genuss nie einfach Genuss ist, Er ist Verdachtsfall.

  • Ein Glas Riesling?
    Potenzielle Abhängigkeit.
  • Ein doppelter Espresso?
    Koffeinismus im Frühstadium.
  • Ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte?
    Zuckerkarriere mit absehbarem Absturz.

In Deutschland gibt es für alles einen Beauftragten. Datenschutzbeauftragte. Gleichstellungsbeauftragte. Und natürlich den Suchtbeauftragten. Man wartet förmlich darauf, dass bald ein „Bundesbeauftragter für riskantes Wohlbefinden“ ernannt wird.

Wer hat uns den Genuss ausgetrieben?

Wer hat eigentlich beschlossen, dass jede Leidenschaft pathologisch ist? Wer hat aus dem Glas Wein am Abend eine therapeutische Intervention gemacht? Und seit wann ist der zweite Cappuccino ein Hilferuf? Die Information stammt – woher auch sonst – aus dem Radio.
Jener moralischen Mittelwelle, die uns zwischen Verkehrsnachrichten und Wetterbericht erklärt, wie wir uns selbst zu optimieren haben. Oder doch aus den (un-)sozialen Medien der Herren Musk und Zuckerberg?

„Weil es eine Sucht ist“, sagt die Frau.

Interessant.
Nicht: „weil ich mir bewusst Zeit nehmen möchte“.
Nicht: „weil ich Verzicht als spirituelle Übung begreife“.
Nein. Es ist eine Diagnose.

Fasten als Selbstanzeige.

40 Tage Verdacht

Man stelle sich vor, wir würden das Prinzip weiterdenken:

  • Wer dreimal pro Woche joggt – Sportsucht.
  •  Wer gern reist – Eskapismusstörung.
  •  Wer Bücher liebt – Realitätsflucht.
  •  Wer arbeitet – Leistungsabhängigkeit.

Und was ist mit uns, die wir doch so gerne reisen, unterwegs sind?
Chronische Fernweh-Symptomatik? Wiederkehrende Anfälle von Meer.?

  • Mallorca im März?
    Rückfall.
  • Rom im Frühling?
    Religiös kaschierte Genussreise.
  • Ein Glas Barolo in Piemont?
    Gefährdungsanzeige beim Ordnungsamt.

Was Fasten eigentlich sein könnte

Fasten war einmal radikal.
Ein Innehalten.
Eine spirituelle Provokation.

Man verzichtete nicht, weil man süchtig war, sondern weil man frei sein wollte. - Das ist ein Unterschied.

Freiheit entsteht nicht durch das Verteufeln des Genusses, sondern durch seine Beherrschung.

Ein Mensch, der bewusst ein Glas Wein trinkt, ist nicht süchtig, Er ist kultiviert. (Es sei denn, er trinkt es aus einem Thermobecher im Regionalexpress.)

Warum uns diese Moralisierung nervt

Weil sie klein macht.
Weil sie aus erwachsenen Menschen latent therapiebedürftige Wesen formt.
Weil sie Genuss unter Generalverdacht stellt.

Und weil sie die eigentliche Frage verschiebt:

Nicht: „Bin ich süchtig?“
Sondern: „Lebe ich bewusst?“

Das ist anspruchsvoller.
Und weniger bequem.

Mein Fastenvorschlag 2026

Verzichten wir doch einmal auf etwas anderes:

  • 40 Tage ohne moralische Dauererregung.
  • 40 Tage ohne Pathologisierung des Feierabends.
  • 40 Tage ohne Beauftragte für alles und nichts.

Vielleicht wäre das die eigentliche Askese.

Und wenn wir dann am Ostersonntag bei einem Glas Champagner oder einem Haferl Kaffee stehen – nicht aus Sucht, sondern aus Freude – dann wäre das womöglich der erste wirklich freie Schluck des Jahres.

Amen. 🍷