Ich will nicht nach Guangzhou

Über Studien, Rankings und die erstaunliche Fähigkeit des Internets, aus Daten Sehnsucht zu konstruieren

Es gibt Reisejournalismus.
Und es gibt Listen.

Der Unterschied ist ungefähr derselbe wie zwischen einem guten Essen und einer Excel-Tabelle.

Leider hat sich in Teilen des Internets die Tabelle durchgesetzt.

Ein aktuelles Beispiel liefert das Portal reisereporter.de, das regelmäßig Studien veröffentlicht, die uns erklären sollen, wohin wir reisen möchten, wo wir besonders glücklich sind – und neuerdings auch, welche Städte völlig unterschätzt sind.

Ganz vorne auf einer dieser Listen: Guangzhou.

Eine chinesische Megastadt mit rund 19 Millionen Einwohnern, mehreren Containerhäfen, gigantischen Industriegebieten und einer wirtschaftlichen Dynamik, die selbst Frankfurt leicht nervös machen könnte. Guangzhou sei – so die Auswertung – das am meisten unterschätzte Reiseziel der Welt. Nur 0,8 Prozent der Google-Kommentare seien negativ. Grundlage der Analyse: über 97.000 Bewertungen von Sehenswürdigkeiten in hundert Städten.
Das klingt beeindruckend.

Bis man kurz innehält und eine schlichte Frage stellt:

Wer genau plant seinen Sommerurlaub in Guangzhou?

Der durchschnittliche europäische Urlauber denkt bei der Reiseplanung eher an andere Orte.

Paris zum Beispiel.
Antalya.
Oder Punta Cana, wo die Hotels die bemerkenswerte Fähigkeit besitzen, Piña Coladas schneller zu produzieren als Statistiken.

Guangzhou hingegen taucht in der klassischen Urlaubsfantasie eher selten auf.

Natürlich reisen jedes Jahr Millionen Menschen dorthin.

Allerdings meist mit Laptop.

Es sind Händler, Ingenieure, Logistikexperten und Menschen, die sehr genau wissen, wie viele Schrauben in einen Standardcontainer passen.

Der durchschnittliche Urlauber sucht hingegen drei Dinge:

Sonne.
Wasser.
Und eine Liege, auf der niemand das Wort „Lieferkette“ verwendet.

Das eigentliche Problem solcher Rankings liegt jedoch woanders.

Sie messen nicht Sehnsucht, sie messen Kommentare. Wenn man 97.000 Google-Bewertungen analysiert, entsteht zwangsläufig eine beeindruckende Tabelle mit Prozentwerten, Diagrammen und einer Methodologie, die wissenschaftlich klingt.

Nur beantwortet sie leider nicht die entscheidende Frage:

Wohin reisen Menschen tatsächlich?

Paris empfängt jedes Jahr rund 30 Millionen Besucher.
Antalya über 15 Millionen.
Punta Cana mehrere Millionen Urlauber, die dort hauptsächlich zwei Tätigkeiten ausüben: schwimmen und Cocktails bestellen.

Guangzhou hat einen anderen Vorteil.

Niemand erwartet dort romantische Filmkulissen. Niemand fliegt nach Südchina, um bei Sonnenuntergang Akkordeonmusik auf einer Brücke zu hören. Und niemand leidet dort am sogenannten „Paris-Syndrom“, bei dem die Realität weniger romantisch ist als der Instagram-Filter.

Wer nach Guangzhou reist, weiß normalerweise ziemlich genau, warum. Und genau deshalb ist auch niemand enttäuscht. Die große Erkenntnis dieser Studie lautet also nicht, dass Guangzhou unterschätzt ist. Die große Erkenntnis lautet:

Die sicherste Methode, schlechte Touristenbewertungen zu vermeiden, besteht darin, kein klassisches Urlaubsziel zu sein.

Wenn man diese Logik konsequent weiterdenkt, eröffnen sich für den Tourismus völlig neue Perspektiven.

„Ludwigshafen – überraschend wenig enttäuschend.“

Oder:

„Containerterminal Bremerhaven – von Google-Nutzern unterschätzt.“

Mit etwas Glück findet sich auch dafür bald eine Studie.

Und ein Portal, das sie veröffentlicht.


Anlass dieser Glosse ist ein Ranking über „unterschätzte Reiseziele“, das unter anderem vom Portal reisereporter.de verbreitet wurde: https://www.msn.com/de-de/reisen/nachrichten/von-diesen-10-orten-waren-die-meisten-reisenden-entt%C3%A4uscht/ar-AA1WzBcY?ocid=socialshare
Stand: 8. März 2026