Schon wieder war es die KI.
Kaum war in diesen Tagen über den spektakulären Zwischenfall mit einem KI-System berichtet worden, das im Rahmen eines Sicherheitstests plötzlich für Schlagzeilen sorgte, stand für viele der Schuldige bereits fest: die Künstliche Intelligenz. Nicht der Entwickler. Nicht der Betreiber. Nicht derjenige, der das System freigeschaltet, getestet oder überwacht hat. Nein – die KI. Offenbar besitzt sie neuerdings einen eigenen Charakter, einen freien Willen und vermutlich auch eine Haftpflichtversicherung.
Es muss herrlich sein, Technik zu sein. Man trägt niemals Verantwortung – man bekommt sie einfach zugeschoben.
Kaum läuft irgendwo etwas schief, tritt ein Mensch vor ein Mikrofon und erklärt mit ernster Miene: „Die Technik hat versagt.“ Dieses geheimnisvolle Wesen scheint nachts ein Eigenleben zu führen. Tagsüber wird es von Ingenieuren entwickelt, von Managern freigegeben, von Programmierern mit Millionen Zeilen Code gefüttert und von Anwendern bedient. Doch sobald etwas schiefläuft, verschwinden alle Beteiligten wie auf Kommando. Zurück bleibt der Computer als Alleinschuldiger.
Früher war das einfacher. Wer mit dem Fahrrad im Straßengraben landete, war zu schnell gefahren. Heute war vermutlich das Fahrrad schuld. Der Toaster verbrennt das Brot? Ein klarer Fall von aggressiver Heizspirale. Dass jemand den Regler auf höchste Stufe gedreht hat, ist eine Randnotiz.
Noch eleganter funktioniert das Spiel bei Großtechnik. Nach einem Reaktorunfall heißt es regelmäßig, die Technik habe versagt. Merkwürdig nur, dass sie nie allein auf die Idee kommt, sich falsch zu montieren, Wartungsintervalle zu streichen oder Sicherheitsvorschriften einzusparen. Irgendwo zwischen Bauplan, Kostenrechnung und Bedienpult sitzen immer Menschen. Nur auf der Pressekonferenz sind sie plötzlich erstaunlich schwer zu finden.
Und nun also die KI. Sie ist der ideale Nachfolger aller bisherigen Sündenböcke. Sie schreibt angeblich falsche Texte, trifft schlechte Entscheidungen, täuscht Menschen oder greift sogar Systeme an. Dabei vergisst man leicht: Eine KI kennt weder Ehrgeiz noch Bosheit. Sie verfolgt keine geheimen Welteroberungspläne. Sie arbeitet mit Daten, Regeln und den Grenzen, die Menschen ihr gesetzt haben – oder eben nicht gesetzt haben.
Vielleicht ist das die größte technische Innovation unserer Zeit: Nicht die Künstliche Intelligenz, sondern die künstliche Entlastung des menschlichen Gewissens.
Die Maschine kennt keine Schuld.
Die Ausrede dagegen ist eine rein menschliche Erfindung.