Berlin ist kein Ort, Berlin ist eine Meinung.
Genauer: viele Meinungen, die sich gegenseitig bestätigen und dafür halten, Realität zu sein.
Die Berliner Blase ist ein geschlossenes System, in dem nichts entsteht, aber alles kommentiert wird.
Wer hier lebt, glaubt fest daran, im Zentrum der Republik zu stehen – obwohl sich dieses Zentrum seit Jahren hartnäckig weigert, irgendetwas hervorzubringen.
Die Bewohner der Blase arbeiten selten, aber viel an sich. Sie leben von Projekten, Anträgen, Haltungen und dem festen Glauben, dass Denken bereits eine Form von Leistung sei. Produktivität gilt als verdächtig, Effizienz als latent rechts. Wer etwas kann, ohne es vorher erklärt zu haben, muss mit Misstrauen rechnen.
Wer dagegen alles erklärt und nichts liefert, ist sofort anschlussfähig.
Die Politiker dieser Stadt sind perfekt an dieses Milieu angepasst. Sie verwalten keine Probleme, sie moderieren sie. Entscheidungen werden nicht getroffen, sondern angekündigt, geprüft, vertagt und schließlich kommunikativ begleitet. Scheitern gilt nicht als Versagen, sondern als Beweis für Komplexität. Je weniger funktioniert, desto wichtiger wird die Pressekonferenz.
Und dann sind da die Journalisten – die Priesterschaft der Blase.
Sie berichten aus Berlin über Deutschland, als handele es sich um ein ethnografisches Randgebiet.
Der Bürger draußen erscheint wahlweise als gefährlich, überfordert oder „abgehängt“, nie aber als Maßstab. Relevant ist, was im Regierungsviertel gesagt, im Café geflüstert oder auf Panels beklatscht wurde. Wahrheit entsteht hier nicht durch Fakten, sondern durch Resonanz.
Die Berliner Blase hält sich für progressiv, weil sie ständig in Bewegung wirkt. In Wahrheit rotiert sie nur um sich selbst. Sie redet von Zukunft, kann aber nicht einmal eine Straßenbahn mit Passagieren organisieren. Sie fordert Veränderung, aber bitte ohne Zumutung. Und sie erklärt dem Land unermüdlich, wie es besser werden müsste – während sie selbst als abschreckendes Beispiel dient.
Berlin ist nicht nur die Hauptstadt Deutschlands.
Berlin ist vor allem der Kommentarbereich des Landes.
Laut, selbstgerecht und überzeugt davon, unverzichtbar zu sein.