Radfahrende Autos und andere Sprachunfälle

„Dürfen Radfahrende Autos an der Ampel rechts überholen? Die Antwort ist eindeutig!“

Entschuldigung – was bitte sind radfahrende Autos?

Ich sehe sie schon vor mir.
Limousinen mit Speichenfelgen. SUVs im Lycra-Anzug.Ein Kombi, der keuchend den Anstieg zur Tiefgarage nimmt, während er ruft: „Ich bin heute mehrspurfahrend!“

Wenn man schon mit Partizipien um sich wirft, dann bitte konsequent.

Nicht Radfahrer.
Nicht Autofahrer.
Nein.

Radfahrende Autos.
Autofahrende Radler.
Ampelstehende Verkehrsteilnehmende.

Die deutsche Sprache ist nicht mehr im Straßenverkehr unterwegs –
sie steht im Seminarraum und trägt Warnweste.


Das Partizip als moralisches Fitnessstudio

„Radfahrende“ klingt nicht wie ein Mensch auf einem Fahrrad.
Es klingt wie ein Vorgang mit Genderzertifikat.

Als hätte jemand gesagt:
„Radfahrer ist uns zu konkret. Zu menschlich. Zu eindeutig.“

Also machen wir aus Menschen Zustände.

Nicht mehr der Radfahrer überholt.
Nein.
Die Radfahrt wird vollzogen von einer radfahrenden Einheit.

Demnächst:
„Dürfen atmende Personen Sauerstoff konsumieren?“
Die Antwort ist eindeutig!


Und dieses „Die Antwort ist eindeutig!“

Eindeutig!

Das ist journalistisch ungefähr so subtil wie ein Presslufthammer im Kloster.

Man spürt die Clickbait-Abteilung:

„Wir brauchen Spannung!“
„Mehr Drama!“
„Vielleicht mit Ausrufezeichen?“
„Ja! Eindeutig!“

Natürlich ist sie eindeutig.
Verkehrsregeln sind selten metaphysisch.

Niemand schreibt:
„Dürfen radfahrende Autos die Ampel transzendieren? Die Antwort bleibt im Nebel!“

Schade eigentlich.


Sprache auf Diät

Das Problem ist nicht die Inklusivität.
Das Problem ist die Wortgymnastik.

„Radfahrende“ klingt, als hätte man dem Wort „Radfahrer“ den Humor amputiert.

Es ist diese Verwaltungssprache, die glaubt, sie sei moralisch überlegen, wenn sie jede Tätigkeit in Watte packt.

Man sagt nicht mehr:
„Der Radfahrer überholt rechts.“

Man sagt:
„Die radfahrende Person führt einen rechtsseitigen Überholvorgang durch.“

Das klingt nicht nach Straße.
Das klingt nach Schadensformular.


Die eigentliche Eindeutigkeit

Die Antwort ist tatsächlich eindeutig.

Nicht im Verkehrsrecht.

Sondern im Sprachgefühl.

Wenn Schlagzeilen klingen, als hätten sie ein Compliance-Seminar besucht,
dann wird aus Journalismus Protokollführung.

Und aus dem Radfahrer
wird ein radfahrendes Ereignis.

Ich warte nur noch auf:

„Sind lesende Lesende beim Lesen lesend? Die Antwort ist eindeutig!“


Der Link zum Original: https://www.msn.com/de-de/nachrichten/panorama/d%C3%BCrfen-radfahrende-autos-an-der-ampel-rechts-%C3%BCberholen-die-antwort-ist-eindeutig/ar-AA1WpGrk?ocid=socialshare

(Stand 16.02.2026)